
Nicht allein nach der Diagnose: Die GenE³-App begleitet nach der genetischen Beratung
Das Institut für Humangenetik der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) wurde 2026 mit dem dritten Platz des Award Patientendialog ausgezeichnet. Diesen Platz teilt es sich mit der Universitätsmedizin Greifswald. Die GenE³-App („genetische Erkrankungen einfach erklärt“) begleitet Menschen nach der genetischen Beratung und hilft ihnen, das Gehörte einzuordnen.
Eine genetische Beratung dauert in der Regel etwa eine Stunde. In dieser Zeit geht es um persönliche Krankheitsrisiken, Vorsorge- und Therapieoptionen, Nutzen und Risiken genetischer Tests und die Folgen für die ganze Familie. Für Menschen in einer emotional belastenden Lage ist das eine Flut an Informationen. Viele Fragen entstehen erst danach, doch weitere Gespräche sind wegen des Fachkräftemangels oft nicht möglich. Im Austausch mit Betroffenen von familiärem Brust- und Eierstockkrebs zeigte sich: Die Beratung wird als wertvoll erlebt, und trotzdem fühlen sich nahezu alle danach überfordert und allein gelassen.
Hier setzt die App an, die ein interdisziplinäres Team seit 2021 entwickelt. Zu Beginn erfasst sie die eigene Erkrankungssituation, die familiäre Konstellation und die aktuelle seelische Belastung. Auf dieser Grundlage schlägt ein KI-gestützter Agent passende Fragen vor und beantwortet sie verständlich, qualitätsgesichert und einfühlsam. Die App ist rund um die Uhr in vertrauter Umgebung nutzbar und greift typische Unsicherheiten in der jeweiligen Phase der Entscheidung auf. So bekommen Patientinnen nicht nur Informationen, sondern Orientierung.
In einer ersten Studie mit Betroffenen aller Altersgruppen erhielt der Prototyp eine Gesamtnote von 1,3. Die Teilnehmerinnen hoben die persönliche Ansprache, die passgenauen Informationen und das Gefühl hervor, nicht allein zu sein. „So eine App hätte ich, als ich die Diagnose bekam, gebraucht“, sagte eine Studienteilnehmerin. Derzeit steht die App Studienteilnehmerinnen an der MHH zur Verfügung. Geplant sind weitere erbliche Krebserkrankungen und andere genetische Erkrankungen, Mehrsprachigkeit und die Einbindung in bestehende humangenetische Versorgungsstrukturen.
Die GenE³-App führt den Dialog über das Arztgespräch hinaus weiter. Sie erleichtert es, Informationen zu verarbeiten, Entscheidungen zu strukturieren und Belastungen zu verringern.
Foto: Karin Kaiser/MHH